Es war im Frühjahr 1980, als Paul Membrini aus Chur seinen Lebenstraum verwirklichen wollte. Jahrzehntelang war er Autoverkäufer gewesen und hatte sich die Zeit rauben müssen, um in die Berge zu gehen. Er war ein guter Bergsteiger, hatte den Pizzo Badile im Bergell, die Große-Zinne-Nordwand und den Rebuffat am Mont Blanc erklommen. Er hatte Kristalle gesucht und sogar seinen treuen Arbeitgeber Walter Rageth, jener Mann, der ihn für die Kristalle begeisterte, bei einer Strahlertour in den Tod stürzen sehen. Die ganze Familie sorgte sich immer, wenn es ihn in die Berge zog. 52 Jahre war er nun schon alt.

Jetzt aber wollte er sich ganz und gar seiner Leidenschaft hingeben und Berufsstrahler werden. In jenen Wochen machte ihm der Bergfilmer und Kameramann Willy Dinner ein „unmoralisches“ Angebot. Man würde einen Film mit ihm über die Kristallsuche drehen. „Paul muss eine Rauchquarzkluft finden!“ So etwas stellte sich der Regisseur vor. Es sollte alles so wie in der Wirklichkeit sein, keine Szene gestellt, keine erdachte Geschichte. Paul Membrini erfasste das Kristallfieber. Nichts konnte ihn von seinem Vorhaben abhalten. Der Film konnte realisiert werden, Sepp Mullis, der bekannte Schweizer Mineraloge sollte die wissenschaftliche Beratung und Herbert Maeder den Filmtext übernehmen.

Paul Membrini stieg in die Granitwände Graubündens. Tag um Tag. Einen Monat lang. Eines Tages auch über der Lampertschalp in Richtung Plattenberg im hinteren Valsertal. Dort fand er eine Kluft mit Rauch-quarzen, groß genug und wertvoll wie er meinte, für den Film. Es wurde gedreht. Paul Membrini stieg in die ausgesetzten Granitwände, pendelte mit seinem 50 Meter Seil hin und her. Vorerst kamen nur große Bergkristallsplitter zum Vorschein. Dann aber unbeschädigte Rauchquarze bis 30 cm Länge. „Dann tat ich einen Griff in die Feuchte des Glimmersandes und fasste dabei nach etwas, das kein kleiner Kristall sein konnte. Die Finger tasteten sich immer weiter, an großen Flächen entlang. Es musste riesig sein, was sich da im Berg verbarg.

Das war er, der größte Rauchquarz-Einzelkristall Graubündens – 118 cm Umfang, 53 cm hoch und 73 kg schwer. Er bekam den Namen „Jumbo“. Die Filmkamera war hautnah dabei, wie er geborgen und über die Felswand abgeseilt wurde. Sein Riesenkristall kam ins Bündner Naturmuseum in Chur. Für Paul Membrini aber änderte sich das Leben. Der bekannteste deutsche Bergfilmer Gerhard Baur interessierte sich Jahre später gleichfalls für diesen „Jäger des verborgenen Schatzes“. Ein weiterer, philosophischer Film entstand. „Crystallos“ von Willy Dinner und Bergkristall-Paul Membrini ein Strahlensucher auf extremen Wegen“ von Gerhard Baur wurden beim größten Bergfilmfestival der Welt in Trient ausgezeichnet. Paul Membrini stieg aus. Er wurde Berufsstrahler, kletterte in einem Alter, in dem andere wenig Veränderung mehr suchen in den Bergen Graubündens herum und machte berühmte Funde.

„Einen Stein, den du zum Berg rausholst, wirst du niemals vergessen. Ein Kristall ist wie ein Mensch, den triffst du einmal und erkennst ihn dann immer wieder.“ Paul Membrini wurde zum Bergphilosophen. Er ging auf Vortragsreisen, zeigte seine Fotos, berichtete von seinen Erlebnissen am Berg, von den Schönheiten der Natur. „Ich lausche dem Atem der Natur, höre den Wind und das Rauschen des Bergbachs, ich spreche mit den Alpendohlen, die mein Zelt umkreisen.“ Er sprühte vor Frohmut und Lebenslust. Er sprach vor Wirtschaftsleuten. Er erzählte von einer Kluft am Piz Valatscha, von einem Knirschen im Berg. Einer inneren Stimme, welche ihm zuflüsterte schnell herauszukriechen.

Sekunden später löste sich ein riesiger Felsbrocken von der Kluftdecke und krachte nieder. Er zeigte das Foto, damit man ihn nicht als Lügner hinstellte. Er schilderte wie Erfolg und Missgeschick eng beieinander liegen. Für ein Quarzband am Piz Cavardiras interessierte er sich, im nächsten Jahr würde er es anpeilen. Es war sein Strahlerfreund Dosi Venzin aus Camischolas, der zufällig das gleiche Anzeichen gesehen hatte und der Paul zuvor kam, um gerade dort eine seiner besten Kristallklüfte zu öffnen. Paul aber trug keine Spur von Neid und Missgunst in sich, er freute sich mit seinem Freund über dessen Fund. Ganz nach seinem Motto: „Ich will nicht hinten rechts (im Geldbeutel), sondern oben links (im Herzen) reich sein.“ Monate verbrachte er ab nun jedes Jahr in den Bergen und maß zufrieden die eigenen Kräfte an den Naturgewalten. Paul Membrini verstarb im Mai 2003. Er wurde 75 Jahre alt.